Zwangsversteigerung abgebrochen: Zukunft des Spreeparks im Plänterwald bleibt offen

Um kurz vor elf kann noch niemand ahnen, mit was für einer Überraschung dieser Vormittag im Amtsgericht in Berlin-Köpenick enden wird. Hinter der Schranke im Zuschauerraum des Saals 110 stehen die Besucher trotz Hitze dicht gedrängt. Wartend miteinander ins Gespräch gekommen haben sie sich fast schon geeinigt, dass sich wohl heute kein Interessent mehr für das zur Zwangsversteigerung stehende Erbbaurecht für das Gelände des insolventen Berliner Freizeitparks Spreepark finden wird.

Da tritt plötzlich im vorderen Teil des Raums, der den interessierten Bietern vorbehalten ist, eine blonde Dame an den Tisch der Richterin, die kurz darauf verkündet: „Wir haben ein erstes Gebot: Die Liegenschaftsfonds Projektgesellschaft mbH & Co KG bietet 810.000 Euro.“ Damit hatte unter den Besuchern keiner gerechnet. Dass es hier gleich noch zum Bieterwettstreit und dann zum abrupten Abbruch kommen wird, ahnen sie erst recht nicht.

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Einst war der 1969 eröffneten Kulturpark Plänterwald, im Berliner Osten direkt an der Spree gelegen, der einzige Freizeitpark der DDR. Nach der Wende wurde er privatisiert und ging an das Hamburger Schaustellerehepaar Pia und Norbert Witte. 1996 schlossen sie einen Erbbaurechtsvertrag mit dem Berliner Liegenschaftsfonds als Eigentümerin des insgesamt 30 Hektar großen Grundstücks. Doch wirtschaftlichen Erfolg hatten sie nicht.

2001 wurde der Park geschlossen. Ein Jahr darauf meldeten die Betreiber Insolvenz an und Norbert Witte setzte sich bei Nacht und Nebel nach Peru ab, einige Fahrgeschäfte aus dem Park im Gepäck. Das Land Berlin blieb derweil auf dem nicht-erfüllten Erbbaurechtsvertrag sitzen, der noch bis 2061 läuft. Auch weitere Gläubiger wie die Deutsche Bank, die Berliner Versorgerbetriebe sowie das Finanzamt Treptow-Köpenick warteten vergeblich auf das Bezahlen von Rechnungen und Krediten. Das Insolvenzverfahren musste jedoch 2008 mangels Masse eingestellt werden.

Derweil bemächtigte sich die Natur des Freizeitparks. Karussells und Achterbahnen wucherten zu, am großen Riesenrad zerrt der Wind. Mittlerweile ist der Park eine beliebte Kulisse für Filme und Musikvideos, auch Führungen werden angeboten. Doch der Verfall schreitet voran. Der Versuch, einen neuen Betreiber zu finden, scheiterte immer wieder an den mit dem Vertag verbundenen Altschulden sowie der Vorgabe, das Gelände als Freizeitpark zu nutzen.

Frei machte den Weg erst das Finanzamt Treptow-Köpenick, als es 2009 die Zwangsversteigerung des Erbbaurechtvertrags beantragte. Die anderen Gläubiger stimmten zu, der 3. Juli 2013 wurde als Termin festgelegt. Vorher schätzte ein Gutachten den Verkehrswert des Parks auf 1,62 Millionen Euro.

Und dann eröffnet der Berliner Liegenschaftsfonds, selbst Eigentümer des Grundstücks und Vertragspartner des Erbbaurechtvertrags, mit einer eigenen Projektgesellschaft den Bieterwettstreit. Doch er bleibt nicht lange allein: „Die SP Kultur- und Freizeitpark GmbH bietet 1,134 Millionen Euro“, erklärt die Richterin kurz darauf. Im Zuschauerraum werden die Smartphones gezückt: SP bitte was? Von dieser GmbH hat noch niemand gehört.

Kurz darauf ist klar: SP steht wohl für Spreepark, die GmbH wurde erst am 24. Juni 2013 gegründet und der Geschäftsführer heißt Karl-Heinz Fleischmann. Irgendwie soll es da Kontakte zu den einstigen Spreepark-Betreibern sowie zu Gerd Emge geben, dessen Sicherheitsfirma derzeit für den Park zuständig ist. Es bleibt jedoch bei Gerüchten. Von offizieller Seite gibt es keine Erklärungen.

Statt dessen kommt nun das Bieterverfahren in Gang: Die Projektgesellschaft des Liegenschaftsfonds steigert sich in erst in 500.000er-Schritten, später nur noch in 10.000er-Schritten hoch. Die SP Kultur- und Freizeitpark GmbH legt immer noch einmal 1000 Euro drauf. Eine Stunde nach Beginn des Verfahrens um 10.29 Uhr haben sie beiden sich schon bis weit über den Verkehrswert hochgeschaukelt. Erst als die SP 2.481.000 Euro bietet, steigt der Liegenschaftsfonds aus.

Doch gelaufen ist die Sache damit noch längst nicht. Plötzlich stehen zwei Männer in schwarzen Anzügen am Tisch der Richterin. Es wird unruhig, niemand weiß was passiert. „Das Finanzamt hat seine Bewilligung zurückgezogen“, erklärt die Richterin plötzlich. Für maximal sechs Monate sei das Verfahren damit eingestellt.

Als Gläubiger des insolventen Spreeparks hatte das Amt die Zwangsversteigerung des Erbbaurechtvertrags erst ermöglicht. Im Gegenzug darf es das ganze Verfahren auch wieder abblasen. Das ist hier geschehen. Die Sekunden, die die Besucher und alle anwesenden Journalisten brauchen, um das zu verstehen, nutzen die Bieter, um zu verschwinden.

So endet der Vormittag in Köpenick mit einer Überraschung und ein paar Berliner, die spekulieren. Hat das Finanzamt die Notbremse gezogen, weil der Vertrag an ein so unbekanntes Unternehmen gehen sollte? Was das alles ein zwischen Amt und Liegenschaftsfonds abgekartetes Spiel? Wollte der Fonds nur mal den Wert des Vertrages testen? Und wie wird es jetzt weitergehen?

„Ich finde das sehr dubios“, diktiert Sicherheitsmann Emge den Journalisten in die Blöcke. Das Land Berlin könne doch interessierten Investoren nicht so die Tür vor der Nase zuschlagen. „Dieses Vorgehen bedarf einer rechtlichen Untersuchung.“ Gleichzeitig dementiert er, selbst etwas mit der SP GmbH zu tun zu haben.

Große Freude hingegen auf Seiten der Initiative Bürgerpark im Plänterwald. Erst vor zwei Wochen hatte diese sich gegründet mit der spontanen Idee, dass die Bürger doch selbst den Park ersteigern könnten – auf die Schnelle genug Geld aufzutreiben war Ihnen jedoch nicht gelungen. „Wir haben nun Zeit gewonnen und ich bin zuversichtlich, dass wir den Kauf nun schaffen“, sagt Doreen Butze. Mit Hilfe der Bürger werde das schon gelingen.

Text und Fotos: Juliane Wiedemeier

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4 Gedanken zu „Zwangsversteigerung abgebrochen: Zukunft des Spreeparks im Plänterwald bleibt offen

  1. Eine sehr kuriose Angelegenheit. Man kann gespannt sein, wie sich alles weiter entwickelt und ob es dann noch zu einer Übernahme durch das neu gegründete Unternehmen kommt.

  2. Ja das hört sich alles sehr mysteriös an. Wenn sich da mal nicht welche verpokern. Interessant auch das private Investorenprojekt. Auch wenn ich bezweifel, dass die nur anhähernd die benötige Summe zusammenbekommen, werde ich das weiter verfolgen. Andere Crowd Funding Projekte waren auch erfolgreich.

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